Stellungnahme zum Bericht „Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe“

24.07.2020 – Bereits 2015 und 2017 hat die Gesellschaft für Sexualpädagogik (auf ihrer Homepage Stellung zu ihrem Mitglied Helmut Kentler bezogen. Anlässlich der Veröffentlichung des Forschungsberichts über Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder und Jugendhilfe hat die gsp nun eine weitere Stellungnahme verfasst. Damit ist der Prozess der Auseinandersetzung über Helmut Kentlers Bedeutung für die deutsche Sexualpädagogik jedoch nicht abgeschlossen. Eine weitere differenzierte Beschäftigung mit dem Wirken des Begründers der emanzipatorischen Sexualpädagogik ist nötig und wird von der gsp vorangetrieben.

Seit dem 15.6.2020 liegt ein von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie veröffentlichter Forschungsbericht zu „Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe[1] vor, der von Wissenschaftler*innen der Universität Hildesheim (Prof. Dr. Meike Baader, Prof. Dr. Wolfgang Schröer, Dr. Carolin Oppermann und Dr. Julia Schröder) verfasst wurde. Der Ergebnisbericht der Forscher*innen unterstreicht einmal mehr: bei der von Kentler pädagogisch begründeten und in der Berliner Infrastruktur der Jugendwohlfahrt bzw. Kinder- und Jugendhilfe etablierten Unterbringung von Kindern und Jugendlichen bei Sexualstraftätern handelt es sich um „Kindeswohlgefährdung in öffentlicher Verantwortung“. 

Die Aufarbeitung zeigt die organisationalen Strukturen und Verfahren, genauer die Infrastruktur der Berliner Kinder- und Jugendhilfe. Es wird deutlich, dass in der Betreuung von Kindern und Jugendlichen in Pflegestellen durch pädosexuelle und päderastische Männer über einen langen Zeitraum hinweg sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch stattgefunden haben, unter denen die Betroffenen bis heute leiden. Die Aufarbeitung rekonstruiert das langjährige Wirken von Helmut Kentler als damals gefragter Experte. Er erscheint als eine zentrale Figur, indem er etwa durch persönliche Referenzschreiben und Gutachten die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in einer der besagten Pflegestellen in Berlin befürwortete und vorhandene Verdachtsmomente systematisch delegitimierte. Kentler handelte in einem personellen und organisationalen Netzwerk aus Akteur*innen in der Berliner Senatsverwaltung, den Bezirksjugendämtern und innerhalb der sozialpädagogischen Infrastrukturen und wissenschaftlichen Institutionen, innerhalb dessen pädosexuelle Handlungen als Form sexualisierter Gewalt ermöglicht, geduldet und legitimiert wurden.

Die Gesellschaft für Sexualpädagogik (gsp) begrüßt diesen Aufarbeitungsbericht die Berliner Kinder- und Jugendhilfe betreffend sowie die Aufdeckung der Netzwerke und organisationalen Strukturen, die zur Gewalterfahrung junger Menschen geführt haben.

Die gsp hat sich seit dem Jahr 2010 auf Mitgliederversammlungen und mehreren Fachtagungen, in der gsp-Sektion Geschichte sowie in Publikationen (u.a. „Gelebte Geschichte der Sexualpädagogik“ Hg.: Schmidt/Sielert/Henningsen 2017) und zuletzt auf einem Symposium am 05. März 2020 in Frankfurt/Main ausführlich mit ihren historischen und aktuellen Begründungen einer neo-emanzipatorischen Sexualpädagogik, ihrem Sexualitätsverständnis und ihren inhaltlichen Bezugnahmen auf Helmut Kentler auseinandergesetzt. Auf dem Frankfurter Symposion referierte Prof. Dr. Maike Sophia Baader von der Universität Hildesheim über „Pädosexualität, involvierte Wissenschaft und Aufarbeitungsansätze“; Dr. Teresa Nentwig vom Institut für Demokratieforschung Göttingen präsentierte Kentlers Leben und Werk mit dem Material aus zwei Forschungsprojekten; Dr. Ulrike Heider skizzierte als Politologin und Schriftstellerin den gesellschaftlichen Umgang mit Päderastie, Pädophilie und sexuellem Missbrauch von den 1950er Jahren bis zur Gegenwart. Im Symposium sprachen auch Zeitzeugen von Helmut Kentler, unter anderem Prof. Dr. Friedrich Koch, Dr. Dr. Walter Müller und Prof. Dr. Uwe Sielert. Weiterhin referierte Michael Altmann über den Selbstaufklärungsprozess bei pro familia zum Thema Pädosexualität und Helmut Kentler. Die gsp blickt somit auf eine langjährige Reflexion und Auseinandersetzung mit ihrem professionellen Selbstverständnis zurück – auch im Hinblick auf Sexualität und Gewalt.

Die seit 2010 einsetzende gesellschaftlich sowie politisch getragene Thematisierung von sexualisierter und sexueller Gewalt nicht nur in Familien, sondern auch in pädagogischen Einrichtungen, hat die Aufarbeitung systematischer Macht- und Gewaltstrukturen und der sie legitimierenden Ideologien und Strukturen in Gang gesetzt. Für die gsp stellt die Erforschung und Thematisierung dieser organisationalen sowie professionalen Gewaltstrukturen einen Pfeiler ihrer Arbeit dar. Betont werden muss das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und physische sowie psychische Unversehrtheit im Rahmen einer jeden pädagogischen Arbeit. In diesem Sinne tragen Mitglieder der gsp auch zur Erforschung von sexualisierter Gewalt und zur Ausarbeitung von Schutzkonzepten bei. Diese Überzeugung findet zudem Niederschlag in den Ende 2019 veröffentlichten und zuvor in einem langen und partizipativen Verfahren entwickelten berufsethischen Standards der gsp.[2]

Auch wenn Helmut Kentler sich im Rahmen seines Wirkens auch für sexuelle Selbstbestimmung aller Altersgruppen und vor allem für die Emanzipation Homosexueller eingesetzt hat, so sieht die gsp sein Wirken heute in einem völlig anderen Licht. Helmut Kentlers Eintreten für vermeintlich unschädliche sexuelle Beziehung zwischen pädosexuellen bzw. päderastischen Erwachsenen und Kindern bzw. Jugendlichen und sein langjähriges Wirken im Rahmen der Berliner Kinder- und Jugendhilfe ist eindeutig zu verurteilen. Nicht zuletzt auf Basis der aktuellen Forschungsergebnisse sind die erkennbaren organisationalen Gewaltstrukturen und die Rolle Kentlers darin auch über den Rahmen der Berliner Senatsverwaltung hinaus weiter zu analysieren. Pädosexualität widerspricht den Prinzipien der sexuellen Selbstbestimmung, den höchstpersönlichen Rechten und der Integrität, die für eine Sexualpädagogik der Vielfalt grundlegend sind. Die gsp wird den Prozess der offenen Auseinandersetzung mit und Aufarbeitung der Wirkung der Kentler´schen Perspektiven zur Sexualerziehung und dem gesellschaftlichen Verständnis von Sexualität fortsetzen und neue Erkenntnisse konsequent darin einfließen lassen.


[1] https://www.uni-hildesheim.de/neuigkeiten/ergebnisbericht-des-forschungsprojekts-helmut-kentlers-wirken-in-der-berliner-kinder-und-jugendhil/

[2] https://gsp-ev.de/sexualpaedagogische-berufsethik/


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