Statement zur sexuellen Vielfalt und sexualpädagogischen Professionalität

In den letzten Monaten wurden in verschiedenen Medien Meinungen zur Sexualpädagogik vertreten, die nicht den fachlichen und ethischen Debatten und Auseinandersetzungen der Sexualpädagogik entsprechen. In diesen Äußerungen spiegelt sich eine Mischung aus kontroversen Positionen, Zuschreibungen und Ängsten, die mit dem Thema sexuelle Vielfalt verbunden sein können.
Auf Initiative der Gesellschaft für Sexualpädagogik (gsp) werden mit diesem Text Grundsätze sexualpädagogischer Professionalität im Umgang mit sexueller Vielfalt benannt, die von den unterzeichnenden Fachorganisationen und Einzelpersonen geteilt werden.

1. Sexualpädagogik als wissenschaftliche Disziplin muss sich mit der in der Gesellschaft vorhandenen Pluralität und Diversität auseinandersetzen. Diese Vielfalt erfasst verschiedene Aspekte der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, u.a. diverse sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, ethische, kulturelle und religiöse Überzeugungen sowie Erfahrungen mit und Einstellungen zu Sexualität und Beziehungen. Vielfalt existiert – wie empirische Studien nachweisen – bereits in den Erfahrungen und Überzeugungen von Heranwachsenden und muss ihnen nicht erst nahe gebracht, sehr wohl aber pädagogisch begleitet werden. Sexualpädagogik hat die gesetzlich verbriefte und ethisch gebotene Berücksichtigung der gelebten sexuellen Vielfalt umzusetzen: anti-diskriminierend und bildend-ermöglichend.

2. Sexualpädagogik als Praxis unterstützt Kinder und Jugendliche in ihrer psychosexuellen Entwicklung, indem sie Angebote schafft, in denen sie sich mit Themen wie Körper, Liebe, Beziehung, Lust, Sinneserfahrungen und Grenzen auseinandersetzen. Das ist grundsätzlich notwendig, vor allem aber weil Sexualität in der Gesellschaft tabuisiert, medial inszeniert, kommerzialisiert sowie politisiert wird. Sexualpädagogik bietet einen geschützten Raum, in dem Heranwachsende gemeinsam, persönlich und nah an ihren eignen Erfahrungen über Sexualität, Liebe und Moral reden und sich austauschen können. Dabei können sie eigene Haltungen entwickeln und reflektieren. Ein wichtiges Ziel für Kinder und Jugendliche ist es zu lernen nicht zu diskriminieren und andere in ihrem Anderssein anzuerkennen. Für lesbische, schwule, hetero-, a-, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Jugendliche und junge Erwachsene ist es darüber hinaus wichtig, Solidarität und Unterstützung sowohl durch professionelle Kräfte als auch durch andere Jugendliche zu erfahren, damit sie ein stabiles Selbstbewusstsein entwickeln können.

3. Die ethisch-rechtliche Ausrichtung der Sexualpädagogik basiert in einer demokratischen Gesellschaft auf den Menschenrechten, dem Grundgesetz und dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Diese garantieren auch in den Bereichen von Sexualität und Partnerschaft das Recht, ein Leben in Selbstbestimmung zu führen mit der Verpflichtung, andere durch das eigene Verhalten nicht zu schädigen. Eine in der Tradition politischer Aufklärung und gesellschaftlicher Humanität stehenden Erziehung zur Mündigkeit übernimmt die Verantwortung, Kinder und Jugendliche entwicklungsangemessen auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Sexual- und Liebesleben zu begleiten und für deren Schutz Sorge zu tragen. Zu einer selbstbestimmten und verantwortungsvollen Sexualität gehört das Erkennen und Achten der eigenen Grenzen und derer des Gegenübers.

4. Sexualerziehung in öffentlicher Verantwortung ist dieser rechtlich-ethischen Ausrichtung auf Selbstbestimmung verpflichtet und darf keine „richtige“, „natürliche“ oder „gelungene“ Form von Liebe, Beziehung und Sexualität vorschreiben. Sie muss für verschiedene Wertauffassungen offen sein, den Dialog fördern und in wechselseitige Anerkennung einüben. Auf diese Weise kann es gelingen, um gemeinsam geteilte Grundwerte eines humanen Sexual- und Liebeslebens zu ringen und sie auf historisch veränderte und plural nebeneinander existierende Lebenssituationen anzuwenden. Diesem Zweck dient auch das verfassungsrechtlich garantierte Kooperationsgebot zwischen Schule und Elternhaus mit ihrem je eigenen Erziehungs- und Bildungsrecht.

5. Sexualpädagogik als Profession wurde in den letzten 30 Jahren in Fachorganisationen, Ausbildungsinstituten sowie Hochschulen mit vielfältigen Qualifizierungsmaßnahmen vorangebracht. Es wurden didaktische Materialien für ganz unterschiedliche Jugendliche entwickelt: verschiedene Geschlechter, Altersgruppen, Heranwachsende mit unterschiedlichen kognitiven Fähigkeiten, sozialer Herkunft, religiösen Einstellungen und sexuellen Orientierungen. Dabei wurde auch die Auseinandersetzung mit umstrittenen Themen, wie z. B. Prostitution, Schwangerschaftskonflikten oder Pornografie einbezogen. Es bleibt die Aufgabe der jeweiligen Pädagogen und Pädagoginnen, die vielfältigen Anregungen gezielt auf spezifische Zielgruppen und Situationen zu beziehen und Prozesse des Nachdenkens anzuregen, um eine eigene Meinungsbildung zu ermöglichen. Das ist die Kernaufgabe von Sexualpädagogik als Profession.

6. Sexualpädagogik wirkt präventiv, wenn sie Kinder und Jugendliche dazu befähigt, sich auch mit problematischen Aspekten von Sexualität und Beziehung auseinanderzusetzen, anstatt diese zu tabuisieren. Dazu gehört z. B. die Thematisierung ungewollter Teenagerschwangerschaften, sexuell übertragbarer Infektionen und sexualisierter Gewalt. Es ist durch die Forschung ausreichend belegt, dass Verbote, Abschreckung und kognitive Aufklärung allein keine präventive Wirkung haben. Sexualpädagogische und präventive Konzepte sollten seit dem neuen Bundeskinderschutzgesetz von 2012 im Leitbild jeder Einrichtung, die mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, verankert sein. Zudem stellt eine Vernetzung mit Fachstellen, die gegen sexualisierte Gewalt arbeiten, ein weiteres Merkmal professioneller Sexualpädagogik dar.

Die oft sehr unsachlich und hitzig geführte öffentliche Diskussion um die Thematisierung sexueller Vielfalt im schulischen Sexualkundeunterricht macht deutlich, dass nicht nur Kinder und Jugendliche Sexualerziehung benötigen, sondern sexuelle Bildung ein Angebot für alle sein muss, auch für Eltern und andere Erwachsene, die im Erziehungs- und Bildungswesen tätig sind. Manche Vorwürfe und kritische Anfragen müssen aber von der sexualpädagogischen Profession selbst genutzt werden, um die Grenzen von Vielfalt und die Angemessenheit didaktischer Vermittlungsweisen zu bedenken. Nur so kann an einer demokratischen Sexualkultur gearbeitet werden, die von Verständnis und Dialog möglichst vieler Akteure geprägt ist.

Kiel, 18. September 2014

Unterzeichnende:

Gesellschaft für Sexualpädagogik e.V.
AG Schulaufklärung des Netzwerks LSBTTIQ Baden-Württemberg
AIDS-Hilfe Duisburg/Kreis Wesel e.V.
AIDS-Hilfe im Kreis Soest e.V.
AIDS-Hilfe Mönchengladbach/Rheydt e.V.
AIDS-Hilfe Münster e.V.
Aidshilfe Oberhausen e.V.
amanda – Projekt für Mädchen und junge Frauen, München
Anke Papenkort
Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen
Centrum für Sexuelle Gesundheit Rostock
Christin Laubinger, Youthworker
Christoph Gröger
Cora Nagorny, Youthworker
Daniela Kühling
Daniel Esser
Deutsche AIDS Hilfe
Deutsche Gesellschaft für Geschlechtserziehung DGG e.V.
Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung
Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA)
Deutsche STI-Gesellschaft (DSTIG)
Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (DBSH)
Dietmar Heyde, Youthworker
Familienplanungszentrum Berlin – BALANCE
FLUSS e.V. Freiburg
Franz Gerd Ottemeier-Glücks
FrauenGesundheitsZentrum München e.V.
FUMA Fachstelle Gender NRW
Gemeinnützige Stiftung Sexualität und Gesundheit
Gesellschaft für Sexualwissenschaft e.V.
Institut für Sexualpädagogik ISP
Jenny Künkel, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Goethe Universität Frankfurt
Juliette Wedl
Jungs e.V.
Karin Opstals, Youthworker
Katja Brudereck, Youthworker
KomBi – Kommunikation und Bildung, Berlin
Landesfachstelle für sexuelle Gesundheit und Familienplanung MV
Lehr- und Forschungsbereich Angewandte Sexualwissenschaft Merseburg
Lüder Tietz, Kulturwissenschaftliche Sexualitätenforschung
Magdalena König
mannigfaltig Minden-Lübbecke e.V.
Marc Zumpe, Youthworker
Maria Bakonyi
Mario Müller
Markus Wojahn
Mathias Haase
Netzwerk der Juniorprofessuren im Rahmen der BMBF Förderlinie „Sexuelle Gewalt in pädagogischen Kontexten“
Netzwerk Sexualpädagogik Mecklenburg-Vorpommern
Österreichische Gesellschaft für Sexualforschung (ÖGS)
Peggy Bellmann
pro familia Baden-Württemberg
pro familia Bundesverband
pro familia Landesverband NRW e.V.
Prof. Dr. Jutta Hartmann
Prof. Dr. Kathrin Schrader
Prof. Dr. Phil C. Langer
Prof. Dr. phil. Günther Deegener
Queere Bildung e.V.
Ralf Bolhaar, Youthworker
Robert Lierz, Youthworker
Robert Lüddecke
SchLAu Hessen
SchLAu Niedersachsen
SchLAu Nordrhein-Westfalen
SchLAu Rheinland-Pfalz
Sina Humpe
VLSP e.V. – Verband von Lesben und Schwulen in der Psychologie
Ulrich Ippendorf
Waltraud Bergtholdt
wienXtra
Wolfgang Schmidt, Lehrbeauftragter für Sexualpädagogik
Youthwork NRW

Wenn Sie das Statement unterschreiben möchten, schreiben Sie bitte eine E-Mail an buero@gsp-ev.de

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