Kolumne: Warum essen alle Schwulen immer Erdbeereis?

Kolumne „Aus dem Leben einer Sexualpädagogin“ – Teil 4 von Daniela Hoch2

Ich bin zur Zeit tatsächlich mal ganz besonders mit mir selbst beschäftigt, denn ich versuche meine ungeahnten Fähigkeiten zu entdecken, die mir und meiner Berufsgruppe in den aktuellen Medien nachgesagt werden. Ich bin ratlos:…Wo sind denn nun meine Zauberkräfte, die die Kinder in der Schule alle zu homosexuellen und sexualisierten Menschen machen sollen. Ich kann sie einfach nicht finden.

Auch die vielfach gepriesenen Methoden, die dies bewirken sollen, scheinen sich zu verstecken. Natürlich kenne ich die einschlägigen Werke, schätze sie und arbeite viel damit, doch die Methode für das „Schulfach schwul“ bleibt unauffindbar. Vielleicht sollte ich einfach nochmal reflektieren, wie ich mit Jugendlichen arbeite:

Nicht selten werde ich explizit zum Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt angefragt. In diesen Fällen bringe nicht ich das Thema auf den Tisch, sondern engagierte Lehrkräfte, neugierige Schüler*innen oder interessierte Eltern. Aufhänger hierfür können vielfältig sein, zum Beispiel weil es manchen Lehrkräften wichtig ist, dass Schüler*innen Raum bekommen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, vielleicht auch weil es ein Outing im schulischen Umfeld gab oder weil der Lehrplan das Thema vorsieht.

Auch bei diesen Veranstaltungen steht im Vordergrund das Kennenlernen und der Beziehungsaufbau. Im weiteren Verlauf widmen wir uns den Bereichen Liebe und Partnerschaft, Antidiskriminierung, Vorurteilsbewusstsein und Geschlechtsidentität.

Damit wir alle wissen, wovon wir reden, braucht es meist eine Begriffsklärung. „Was war noch mal homo? Das war doch das Normale! Oder? Oder andersrum?“ Jugendliche haben viele Worte gehört, wissen aber leider selten, was sie bedeuten. Das ändern wir!

Wenn wir über die Abgrenzung zwischen Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung sprechen, ist es auch spannend einen Blick auf die „klassischen“ Rollenaufteilungen in Familien oder Partnerschaften zu werfen. Häufig bewegt Jugendliche, wer in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft eigentlich „die Frau“ und wer „der Mann“ ist. Hier geht es schnell um stereotype Zuschreibungen, die angeblich die männliche und weibliche Rolle definieren. Ich lenke das Gespräch dann auf die Lebensrealität der Jugendlichen und nicht selten gibt es Erfahrungen wie:

„Meine Mutter arbeitet lange und mein Vater kümmert sich um Haushalt und Abendessen.“ Schmunzelnd frage ich doch glatt mal nach: „Wer war jetzt gleich die Frau in der Beziehung?“

Hier lässt sich dann gut klären, dass Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung vielfältig sind und nicht an Verhaltensweisen, Kompetenzen und Vorlieben fest gemacht werden können.

Wie in anderen Veranstaltungen erfreut sich die anonyme Fragebox auch bei diesem Thema größter Beliebtheit.

„Woran merkt man, dass man schwul oder lesbisch ist? Essen alle Schwulen Erdbeereis? Was mache ich, wenn ich selber hetero bin, sich aber meine beste Freundin in mich verliebt? Wie soll ich damit umgehen? Können Schwule und Lesben Kinder kriegen? Wie haben Schwule und Lesben Sex? Sind Bisexuelle immer gleichzeitig mit einem Mann und einer Frau zusammen? Bin ich im falschen Körper, wenn ich als Junge gerne mit Mädchensachen spiele? Warum haben Schwule und Lesben nicht die gleichen Rechte wie Heteros? Werden viele Jugendliche wegen ihres Coming Outs zu Hause rausgeschmissen? Wo kann man sich kennenlernen?“

Jugendliche werden nicht schwul, lesbisch, bi oder trans*, weil ihnen ihre Fragen beantwortet werden. Sie sind interessiert an der Welt in der sie leben, wollen Zusammenhänge verstehen und haben ein Recht darauf Diskriminierungsmechanismen erkennen zu lernen und sich dagegen zu entscheiden!

Nächsten Monat: Wenn die Geschichte vom Storch nicht mehr reicht. Ein Elternabend in der Kita.

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