FAQs zu Helmut Kentler

Wer war Helmut Kentler?
Helmut Kentler war neben anderen (Friedrich Koch, Hans-Jochen Gamm, Ignatz Kerscher, Gerhard Glück) ein Pionier der emanzipativen Sexualpädagogik der 1970er und 1980er Jahre mit vielen heute noch wichtigen Schriften und Aktivitäten zur Theorie der Sexualität und Sexualpädagogik, zur Eltern- und Behindertenarbeit. Er hatte von 1976 bis 1996 eine Professur für Sozialpädagogik in der Ausbildung von Berufsschullehrern für Sonderpädagogik an der Universität Hannover inne.

Was ist bedenklich an Kentlers Positionen und Aktivitäten?
Kentlers Wirken ist aus heutiger Perspektive mit fragwürdigen und bereits damals schon ille-galen Aktivitäten behaftet. Kentler lehnte zwar Pädophilie, also der sexuelle Umgang von Erwachsenen mit Kindern ab, differenzierter sah er jedoch Beziehungen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen. Solchen Kontakten schrieb er sogar eine positive Wirkung zu, wenn sie im Einvernehmen stattfänden. Diese Haltung war zwar nicht unüblich in der Sexualwis-senschaft der 1970er und 1980er Jahre, dennoch galt sein öffentlicher Einsatz für die Legalisierung von sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen und minderjährigen Jugendlichen als umstritten. Eindeutig illegal war sein „Jugendhilfeexperiment“ mit Päderasten und Jugend-hilfeklienten in Berlin, auch, wenn es mit Billigung der Berliner Senatsverwaltung stattfand. Kentler wollte beweisen, dass schwierige Jungen, die sich allen bisherigen Jugendhilfemaßnahmen wiedersetzt haben, durch intensive persönliche Beziehungen zu Männern wieder ins gesellschaftliche Leben integriert werden können. Kentler verschwieg diese Initiative gegen-über den meisten seiner sozial- und sexualpädagogischen Kolleg*innen.

Welche Verbindungen hatte Kentler zur heutigen Sexualpädagogik?
Die heutige (zeitweilig neo-emanzipativ genannte) Sexualpädagogik professionalisierte sich auf der Basis aller sich sowohl emanzipativ verstehenden Erziehungswissenschaftler*innen (s.o.) als auch anderer Pioniere der Sexualpädagogik (Norbert Kluge, Martin Furian, Norbert Huppertz, Hans Heid, Walter Müller u.a.). Maßgeblich waren in den 1980er Jahren die Pro-jekte des damaligen Sozialpädagogischen Instituts der Universität Dortmund unter Leitung des Sexualethikers Prof. Dr. Dr. Siegfried Keil und der Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Rita Süßmuth. Unter Co-Leitung von Uwe Sielert erarbeitete ein vom Bundesfamilienministe-rium finanziertes Handlungsforschungsprojekt die Grundlagen für jene Sexualpädagogik, die sich fachwissenschaftlich im isp (Institut für Sexualpädagogik Dortmund), der gsp (Gesellschaft für Sexualpädagogik) sowie auch der BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Auf-klärung) etablieren konnte. Kentler war weder Mitglied dieser Dortmunder Forschungsgruppe, noch des daraus entstandenen Instituts für Sexualpädagogik. Kentler war aber von 1979 bis 1982 Vorsitzender der DGSS (Deutsche Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualfor-schung), deren aktueller Vorsitzender Jakob Pastötter ist, sowie von 1999 bis zu seinem Tod einfaches Mitglied in der gsp.

Wie steht die heutige Sexualpädagogik zu Kentler?
An verschiedenen Stellen haben sich Vertreter*innen der neo-emanzipativen bzw. kritisch-reflexiven Sexualpädagogik ausdrücklich von der die Päderastie gutheißenden Position Kent-lers und seinem Berliner Projekt distanziert (Sielert 2013, Sielert 2014). In dem Buch „Gelebte Geschichte der Sexualpädagogik“ wurde eine ausführliche Auseinandersetzung mit Kentlers Einflüssen vorgenommen (Schmidt / Sielert / Henningsen 2017). Die Behauptungen eines Zusammenhangs zwischen Pädophilie und einer neo-emanzipativen Sexualpädagogik über die Personen Kentler/ Sielert gehört in die inzwischen bekannte und gut belegte Strategie der Dekontextualisierung von Aussagen und Verbreitung von Falschaussagen bzw. „alternativen Fakten“ zum Zwecke der persönlichen und konzeptionellen Diffamierung. Alle über Sielert im Internet verbreiteten Anspielungen auf Kumpanei mit Kentler und eine angeblich pädophilief-reundliche sexuelle Bildung gehen auf einen mit Fake-News, Unterstellungen und böswilligen Andeutungen gespickten Artikel von Antje Schmelcher (2014) in der FAZ zurück, der post-wendend von dem Journalisten Alexander von Beyme (2014) als tendenziös und schlecht recherchiert entlarvt wurde. Quellen wurden dekontexualisiert und Interviewpartner*innen konnten sich nicht mehr an ihre vermeintlichen Äußerungen erinnern. Dennoch steht dieser Artikel immer noch im Internet und zentrale Aussagen werden in einschlägig bekannten rechtsnationalen Zusammenhängen immer wieder zitiert. Einzelne Falschaussagen, bewegen sich hart an der Grenze der justiziablen Verunglimpfungsklage.

Kann sich heutige Sexualpädagogik auf Helmut Kentler beziehen?
Die heutige Sexualpädagogik distanziert sich klar von Helmut Kentlers Positionen zur Sexuali-tät zwischen Erwachsenen und Jugendlichen. Kentler hatte einen viel zu engen Gewaltbegriff und berücksichtigte nicht die grundsätzlichen Machtunterschiede zwischen Erwachsenen und noch nicht Volljährigen. Ganz im Gegenteil arbeitet und forscht heutige Sexualpädagogik ge-rade zum Thema Sexualität und Macht in pädagogischen Kontexten. Sexualpädagogik zielt in Forschungsprojekten, Lehrangeboten, Publikationen und Praxis darauf, sexualisierte Gewalt in verschiedenen pädagogischen Arbeitsfeldern zu verhindern. Das sexualpädagogische Werk Kentlers ist von der wissenschaftlichen Sexualpädagogik aufgegriffen und weiterentwickelt worden. Es gab in den 1970er und 80er Jahren, als sich die Sexualpädagogik als Dis-ziplin formierte, nur eine Handvoll Wissenschaftler*innen, die sich mit dem Thema befassten. Kentler war einer der bekanntesten unter ihnen und seine sexualpädagogischen Schriften waren wegweisend. Er hat historisch gesehen der Sexualpädagogik durch seine Dissertation und viele Anleihen aus der Sexualwissenschaft eine wissenschaftliche Grundlage gegeben. Als erster hat er den Emanzipationsgedanken der kritischen Erziehungswissenschaft aufge-griffen und für die Sexualpädagogik bearbeitet. Sexualpädagogik muss sich angesichts dieser Vorarbeit auf Kentlers Werk beziehen. Sie setzt sich aber auch deutlich kritisch mit ihm aus-einander (z. B. Sielert 2014).

Literatur:
Beyme, Alexander von (2014) „Unter dem Deckmantel des Journalismus“, www.alexandervonbeyme.net/2014/10/16/unter-dem-deckmantel-des-journalismus
Schmelcher, Antje (2014): „Unter dem Deckmantel der Vielfalt“, in: FAS vom 12.10.2014, S. 3.
Schmidt, Renate-Berenike / Sielert, Uwe / Henningsen, Anja (2017 im Druck): Gelebte Geschichte der Sexualpädagogik. Weinheim/Basel: Juventa.
Sielert, Uwe (2013): Naiver Umgang mit Pädophilie. In: Interview mit Anja Fähnle in der Deutschen Welle am 16.10.2013. http://www.dw.com/sielert-naiver-umgang-mit-paedophilie/a-17156907, 19.1.2016
Sielert, Uwe (2014): Sexualerziehung, sexuelle Bildung und Entwicklung von Sexualkultur als sozialpä-dagogische Herausforderung. In: Sozialmagazin 39. Jg. H. 1-2, S. 38-45.

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